Ein deutliches Zeichen, dass die Avantgarde der Köche zu neuen Ufern aufbricht. Da Sphärisiertes, Espumisiertes und Sous Vide-Gegartes ja inzwischen schon zum Repertoire eines schlichten Gasthofes gehört und Wasabi-Kaviar das traditionelle gefüllte Ei am Faschingsbuffet dekoriert, zieht die Karawane weiter. Nur, wohin?
"Molekularküche" mit all den Anregungen, Produkten und Kochmethoden aus der Nahrungsmittelindustrie ist ausgereizt. Passend zur wirtschaftlichen Depression und zur Klimawandel-Diskussion zeichnet sich eine gastronomische Gegenströmung ab, die auf Ökologie und Regionalität setzt. So gab es im Dezember im Noma bei Redzepi ein Treffen von prominenten Köchen (u. a. Albert Adria), bei dem Gerichte aus Wildpflanzen und regionalen Produkten, zubereitet ohne Techno-Schnickschnack, möglichst frisch, naturbelassen und roh auf den Tisch kamen. Also sind wir wieder beim altmodischen "Zurück zur Natur" angelangt, auch wenn es sich neumodisch "Cook it raw" nennt? Als neugieriger Gast freue ich mich jedoch nach einigen Jahren manchmal abenteuerlicher MOK-Experimente sehr auf mehr Natur und Schlichtheit am Teller. Ich hoffe auf viele kreative Köche, die die neuen Kochtechnologien aus der molekularen Phase mit einem ökologisch-puristischen Ansatz verschmelzen. Da darf die Avantgarde durchaus auch mal unfreiwillig komisch sein in ihrer Ernsthaftigkeit und Kompromisslosigkeit : So finde ich eine gelierte Ursuppe namens "Pollution", kreiert von Massimo Bottura aus Modena, ziemlich aufgesetzt. Ebenso halte ich einen Teller, auf dem aus grauem Pflaster grüne Pflänzchen spriessen, für Öko-Kitsch.
Bevor die gesamte Karawane in diese Richtung aufbricht, sind einige Köche schon lange dort. So auch Massimiliano Aljamo, aus dessen genialem Kochbuch "Ingredienti" eines der besten Pastagerichte stammt, das ich je gegessen habe. Es vereint einfachste, regionale Produkte (Erbsen, Schinken, Parmesan) mit modernen Kochmethoden aus der Molekularküche. Besser, als in diesen winzigen Pastastücke, die mit warmem Schinkengelee und Erbsenpüree gefüllt sind und im Mund geradezu explodieren, können diese Produkte nicht geehrt werden. Ich war von diesem Gericht so beeindruckt, dass ich nur ein ganz schlechtes Foto gemacht habe. Das Rezept ist ziemlich aufwändig, ich werde die Zubereitung daher nur skizzieren.
Erbsen-Schinken-Pasta nach Aljamo
Man bereitet aus Nudelteig mit viel Eigelb runde Pastaröhrchen (wie Penne, das geht mit einem Kochlöffelstiel ganz gut), ca. 3 cm lang und 1,5 cm im Durchmesser. Diese werden mit einem Geleewürfel aus sehr starkem Beinschinkenfond in der Mitte und links und rechts mit frischem Erbsenpüree gefüllt und an den Enden gut verschlossen. Die Pasta wird in Dampf gegart, bis der Teig gar und der Schinkengeleewürfel gerade gut warm und flüssig, aber nicht heiss ist (sonst verbrennt man sich den Mund). Die Pasta wird in wenig Butter + Schinkenfond geschwenkt, mit je einem winzigen, gebratenen Schinkenstreifen belegt und feinst geriebenem Parmesan bestreut. Am besten mit den Fingern und einem Löffel zu essen, da die Pastastücke im Ganzen in den Mund genommen und mit geschlossenem Mund (!) zerbissen werden.
Auch Martin von Kochessenz hat sich dieses Themas angenommen und kommt zu ganz ähnlichen Schlüssen.


