Die Karawane zieht weiter

Heute gelesen: Ferran Adria ist wohl auch der Meinung, dass die Zeit für einen Wandel gekommen ist. Ab 2012 will er das El Bulli für 2 Jahre schliessen - bis dahin ist es wohl ausgebucht.
Ein deutliches Zeichen, dass die Avantgarde der Köche zu neuen Ufern aufbricht. Da Sphärisiertes, Espumisiertes und Sous Vide-Gegartes ja inzwischen schon zum Repertoire eines schlichten Gasthofes gehört und Wasabi-Kaviar das traditionelle gefüllte Ei am Faschingsbuffet dekoriert, zieht die Karawane weiter. Nur, wohin?
"Molekularküche" mit all den Anregungen, Produkten und Kochmethoden aus der Nahrungsmittelindustrie ist ausgereizt. Passend zur wirtschaftlichen Depression und zur Klimawandel-Diskussion zeichnet sich eine gastronomische Gegenströmung ab, die auf Ökologie und Regionalität setzt. So gab es im Dezember im Noma bei Redzepi ein Treffen von prominenten Köchen (u. a. Albert Adria), bei dem Gerichte aus Wildpflanzen und regionalen Produkten, zubereitet ohne Techno-Schnickschnack, möglichst frisch, naturbelassen und roh auf den Tisch kamen. Also sind wir wieder beim altmodischen "Zurück zur Natur" angelangt, auch wenn es sich neumodisch "Cook it raw" nennt? Als neugieriger Gast freue ich mich jedoch nach einigen Jahren manchmal abenteuerlicher MOK-Experimente sehr auf mehr Natur und Schlichtheit am Teller. Ich hoffe auf viele kreative Köche, die die neuen Kochtechnologien aus der molekularen Phase mit einem ökologisch-puristischen Ansatz verschmelzen. Da darf die Avantgarde durchaus auch mal unfreiwillig komisch sein in ihrer Ernsthaftigkeit und Kompromisslosigkeit : So finde ich eine gelierte Ursuppe namens "Pollution", kreiert von Massimo Bottura aus Modena, ziemlich aufgesetzt. Ebenso halte ich einen Teller, auf dem aus grauem Pflaster grüne Pflänzchen spriessen, für Öko-Kitsch.
Bevor die gesamte Karawane in diese Richtung aufbricht, sind einige Köche schon lange dort. So auch Massimiliano Aljamo, aus dessen genialem Kochbuch "Ingredienti" eines der besten Pastagerichte stammt, das ich je gegessen habe. Es vereint einfachste, regionale Produkte (Erbsen, Schinken, Parmesan) mit modernen Kochmethoden aus der Molekularküche. Besser, als in diesen winzigen Pastastücke, die mit warmem Schinkengelee und Erbsenpüree gefüllt sind und im Mund geradezu explodieren, können diese Produkte nicht geehrt werden. Ich war von diesem Gericht so beeindruckt, dass ich nur ein ganz schlechtes Foto gemacht habe. Das Rezept ist ziemlich aufwändig, ich werde die Zubereitung daher nur skizzieren.
Erbsen-Schinken-Pasta nach Aljamo
Man bereitet aus Nudelteig mit viel Eigelb runde Pastaröhrchen (wie Penne, das geht mit einem Kochlöffelstiel ganz gut), ca. 3 cm lang und 1,5 cm im Durchmesser. Diese werden mit einem Geleewürfel aus sehr starkem Beinschinkenfond in der Mitte und links und rechts mit frischem Erbsenpüree gefüllt und an den Enden gut verschlossen. Die Pasta wird in Dampf gegart, bis der Teig gar und der Schinkengeleewürfel gerade gut warm und flüssig, aber nicht heiss ist (sonst verbrennt man sich den Mund). Die Pasta wird in wenig Butter + Schinkenfond geschwenkt, mit je einem winzigen, gebratenen Schinkenstreifen belegt und feinst geriebenem Parmesan bestreut. Am besten mit den Fingern und einem Löffel zu essen, da die Pastastücke im Ganzen in den Mund genommen und mit geschlossenem Mund (!) zerbissen werden.
Auch Martin von Kochessenz hat sich dieses Themas angenommen und kommt zu ganz ähnlichen Schlüssen.

Rote Rüben-Therapie


Saibling confiert, Rauner-Zweigelt-Risotto, Räucherfischsauce
Zu meinen unerfreulichen Kindheitserinnerungen gehört ein kurzer, aber heftiger Aufenthalt in einer Klosterschule mit Halbinternat. Über die Qualität des "Essens" in dieser Anstalt breite ich den Mantel des Schweigens. Nur soviel: es gab das ganze Jahr über Rote Rüben Salat, billige Konservenware. Und dieser Salat wurde uns immer auf den einzigen Teller, den man uns gönnte, geklatscht, gemeinsam mit Fleisch, grünem Salat und Kartoffeln. So war das gesamte Essen immer in eine blutrote, essigsaure Sauce gebettet. Ich hasste Rote Rüben. So wie ich die Nonnen mit ihren bösartigen Bestrafungsmethoden hasste. Und wenn meine Mutter zuhause "Rauner" auch noch so appetitlich zubereitete, ich konnte sie nicht essen. Wäre ich Thomas Bernhard oder Franz Kafka, hätte ich diese traumatische Erfahrung literarisch verarbeiten können und wäre womöglich berühmt geworden. Mangels anderer Talente musste ich mein Rote Rüben-Trauma mit einer Kochtherapie verarbeiten.
Rote Rüben-Tartare mit Räucherforelle
Warme Raunercreme auf Kreneis
Saibling, Bietola Rossa, Rotweinsauce
 Sauerrahm-Kren-Mousse, Rote Rüben-Marmelade, Bachmann-Lachs
Die Therapie war erfolgreich. Inzwischen liebe ich das erdige, süsse Aroma, den dunkelroten Saft, die Konsistenz. Sobald es im Sommer die ersten winzigen Rauner gibt, bereite ich leichte Gerichte aus deren Knollen, Stängeln und Blätter zu: als roten Spinat zu Fisch, als zarte Türmchen, gefüllt mit Ziegenfrischkäse, auf Cabernet Saucignon-Sauce (zuerst gegessen im "Maze" in London). Im Herbst und Winter gibt es dann Cocktails aus lauwarmer Rote Rüben Creme auf kühlem Kreneis als Kontrast, dann warme Suppe mit Krenravioli, Rote Rüben-Tartare mit Räuchersaibling, Roastbeef mit gebackenen Roten Rüben und Senfsauce, ...
Einige meiner Rezepte sind im Küchentanz gespeichert (Bildunterschriften oben anklicken).
Hier eines meiner erfolgreichsten Werkstücke aus einer bereits fortgeschrittenen Therapieeinheit:
Saibling confiert, Rauner-Zweigelt-Risotto, Räucherfischsauce  
Zutaten für 4 Vorspeisenportionen: 

2 kleine Saiblinge, filetiert, ohne Gräten, mit Haut 
3 EL Traubenkernöl (aus Zweigeltkernen, von Gegenbauer) 
Risotto: 
3-4 kleine Rauner (rote Beete, rote Rüben), dünn geschält 
Sud: 
300 ml Zweigelt (oder anderer dunkler, fruchtiger Rotwein mit wenig Tannin) 
100 ml Rote Rüben Saft (frisch oder aus dem Bioladen) 
50 ml roter Portwein 
1 frisches Lorbeerblatt 
1 TL Koriander 
1/2 TL schwarze Pfefferkörner 
1 kleines Stück Thymianzweig 
2 EL Zucker 
1 Prise Salz 
2 Schalotten, gehackt 
2 EL Butter 8
0 g Bombareis (Ersatz: Risottoreis) 
1 Stück Parmesanrinde 
kalte Butter nach Bedarf 
Zubereitung:
Die Rauner im Sud langsam und nicht zu weich kochen. In kleine Würfel schneiden, ein paar Würfel als Deko extra zur Seite legen. Dann ein klassisches Risotto kochen. Dazu den Sud vorher abseihen und portionsweise zu dem angedünstetem Reis, Schalotten, Raunerwürfeln und Parmesanrinde zugeben. Gut rühren, mit kalter Butter montieren. Die Fischfilets in Traubenkernöl wenden, mit der Hautseite nach unten in eine kleine, flache Form legen. Mit Klarsichtfolie abdecken. Bei 70 bis 75 Grad im vorgeheizten Backrohr ca. 5 -10 Minuten glasig ziehen lassen. Der Fisch ist fertig, wenn sich die Haut gut abziehen lasst. Falls sich unter der Haut Tran befindet, diesen mit einem Moccalöffel abkratzen. Risotto und Fisch auf gut gewärmte Teller anrichten. Den Fisch mit schwarzem Meersalz bestreuen. Den warmen Räucherfischschaum dazugeben. 

Involtini d'Austria - Alltagsküche

Bitte mit etwas imaginiertem Petersiliengrün garnieren!
Rouladen oder Involtini werden gerade quer durch die Foodblogs gerollt: bei spicy, der Rouladenmeisterin, bei lamiacucina und bei Nur das gute Zeugs. Da roll ich mit:
klassisch-österreichische Rindsrouladen aus Rostbraten (niedrige Beiried), gefüllt mit fein gehackten Essiggurkerln, Kapern, Speck und Lauch. Dazu eine passierte Sauce aus Wurzelgemüse mit Weisswein, zum Schluss mit viel Senf abgeschmeckt. Und ein grob gestampftes Erdäpfelpüree. Wenn ich so schlichte "Hausmannskost" zubereite, frage ich mich immer, wieso ich so was nicht in halbwegs anständiger Qualität in den diversen "Mittagsmenüs" unserer Gaststätten bekomme.
Dazu den superben 2007er Riesling JC von Gysler, Rheinhessen.

Ein Lamm, die Tiefkühltruhe und ich


16. Jänner 2010: Schulter vom Bio-Herbstlamm,
3 Monate Tiefkühlung, langsam aufgetaut

Samstag: Zwei Verschnupfte, die leicht grantig sind, weil sie bei schönstem Wetter nicht auf die Loipe können. Da hilft nur Ingwertee, eine Grosspackung Taschentücher und würzig-scharfes Essen, da geht alles gleich besser.
Es gab, angeregt durch die inoffiziellen Lammwochen, marokkanisches Lamm, diese Tandschia Marrakschiia mit Safranfenchel, Datteln und Couscous, die kocht sich fast von selbst. Lammschulter und Lammfond für dieses Rezept kam aus meiner Tiefkühltruhe. Zwei mal im Jahr bekomme ich dank meiner lieben Freunde T. und H. ein ganzes Lamm ins Haus geliefert, Ende Mai und Ende September, je nach Witterung sind die grasenden Lämmer früher oder später schlachtreif. Die Tiere stammen vom Grundlsee, einem Bergsee im Salzkammergut. Dort betreibt ein ehemaliger Chirurg eine sehr ambitionierte Bio-Schafszucht auf Bergkräuterwiesen. Fast alle Tiere gehen an die Spitzengastronomie und ich freue mich immer, dass auch ich Lammfleisch in dieser tollen Qualität bekomme. Dafür nehmen wir gerne in Kauf, dass ich viele Stunden mit Zerteilen, Parieren, Vakumieren und Fondkochen in der Küche zubringe und H. die vielen Knochen zum Abfallzentrum schleppen muss. Dafür haben wir über das ganze Jahr bestes Lammfleisch auf Vorrat und schnell verfügbar. Langsam aufgetaut schmeckt es immer noch um vieles besser als beim Fleischhauer gekaufte frische Ware. 
Lammschlögel, Kohlrabi-Kartoffel-Gratin, Portweinsauce
Ich kann nur allen, die Probleme haben, gutes Lamm zu bekommen, empfehlen, sich eine gute Quelle für Bio-Lammfleisch aus der Region zu suchen und dieses Fleisch im TK zu bevorraten. Kaum ein Fleisch spiegelt im Geschmack so sehr das wieder, was das Tier gefressen hat, wie Lamm - man denke nur an Salzwiesenlämmer und deren charakteristischen Geschmack! Viele Züchter haben schon einen guten Ab Hof-Versand - Freunde von mir in Wien beziehen ihr Lamm aus der Steiermark und bekommen problemlos gekühlte Pakete geliefert. 

In klimatisch kühleren Regionen Mitteleuropas sollte man Lammfleisch nicht vor Mai oder September kaufen. Nur dann bekommt man natürlich aufgezogene, nicht gemästete Lämmer, die auf Weiden in der Herde grasen. Gerade im Frühjahr (Osterlämmer!) bekommt man das schlechteste Lammfleisch des Jahres - und alle kaufen es! Ganz abgesehen von den Lebensbedingungen dieser Lämmer, ist das Fleisch auch blass, wässrig und geschmacklos. Da die Schafs- (und Ziegen-) Milchprodukte sehr stark gefragt sind, sollte man sich darüber nachdenken, wohin denn die vielen Lämmer kommen, die als "Abfall" dieser Milch- und Käseproduktion anfallen. Sehr häufig werden sie für teures Geld zu Ostern verkauft. Wenn man Ostern unbedingt frisches Lamm auf den Tisch bringen möchte, sollte man welches aus Südeuropa besorgen. Dann diese Tiere kommen, klimatisch bedingt, früher auf die Welt und haben schon gegrast. 

Ich träume schon länger davon, mal ein richtiges "Two springs lamb" zu bekommen, "Mutton", wie es in England heisst, und wie es Hugh Fearnley-Whittingstall in seinem empfehlenswerten Meet Book beschreibt. Das würde ich dann 3 Wochen abhängen lassen und mir feine Rezepte für dieses besonders würzige, grasige Lammfleisch ausdenken!

Orientalische Lammtage - Fortsetzung

Arthurs Tochter tut es, Ellja tut es - da krame ich mal von den beiden angeregt in meinem arabischen Archiv , um die inoffiziell ausgerufenen orientalischen Lammtage der Foodies zu würdigen.
Lammtajine, Feigen, Trauben und Safranreis
Zutaten für 2 Personen:
2 Schalotten, gehackt
1 Knoblauchzehe, gehackt
250 g Lammschulter, in 2 cm Würfeln
1 klein gewürfelte Karotte
1 getrocknete Limette, angestochen (alternativ: 1/2 Salzzitrone)
1 Prise Kurkuma
1 Prise gemahlener Kreuzkümmel
1 Prise gemahlener Ingwer
5 Stück Zimtblüte (Cassia, Ersatz: halbe Zimtrinde)
5 Stück Gewürznelken
1-2 cm Harissa
30 ml trockener Weißwein
60 ml Lammfond (optional, sonst Wasser)
4 getrocknete Feigen, gewürfelt
1 Prise Safran
Salz
schwarzer Pfeffer
Butterschmalz
Zubereitung:
Ich verwende für Tajine einen uralten, emaillierten Gusseisentopf mit Deckel und keine Original-Tajine und schmurgle das Ganze am Herd.
Zwiebel, Knoblauch, Karotte, Fleisch und Gewürze (ausser Safran) in Butterschmalz anrösten, mit Weisswein und der Hälfte des Lammfonds (Wasser) ablöschen, etwas reduzieren lassen, zudecken, langsam schmoren. Mit etwas Zucker gemörserten Safran in warmem Fond (Wasser) auflösen und erst 30 min vor Ende zugeben, ebenso die gewürfelten Feigen.
Dazu einen klassischen Safran-Pilav mit halbierten, kernlosen Trauben und in Butterschmalz gerösteten Mandeln.
Lammtajine mit Datteln, Mandeln und Paprika-Couscous
Zubereitung ähnlich wie oben, allerdings mit etwas anderen Gewürzen. Dazu Couscous, der mit Gemüsefond, pürierten, roten Spitzpaprika und Butter gewürzt ist.

Zutaten für 2 Personen:
2 Schalotten, gehackt
1 Knoblauchzehe, gehackt
250 g Lammschulter, in 2 cm Würfeln
1 Prise gemahlener Koriander
1 Prise gemahlener Kreuzkümmel
1 Prise gemahlener Ingwer
2 cm Harissa
30 ml trockener Weißwein
60 ml Lammfond (optional, sonst Wasser)
3 grosse, weiche Datteln
1/2 gehackte Salzzitrone
1 Prise Safran
schwarzer Pfeffer
Butterschmalz
2 EL Korianderblätter, grob gehackt geröstete Mandelstifte

Im Ganzen geschmorte Lammschulter, Zitronen-Couscous
Diese Lammschulter habe ich (am Knochen) bei 140 Grad im Roh geschmort. In den Bräter kamen noch Olivenöl, Zwiebeln, Knoblauch, Baharatgewürz und milde, rote Chilies. Ab und zu mit Weisswein aufgegossen, fertig. Dazu Couscous, der mit 2 getrockneten, angestochenen Limetten gegart wurde.
Lammrücken, Bohnen-Sesam-Püree, Salzzitronengemüse, Oliventatare
Zutaten für 4 Personen (kleine Menüportionen):
Lammrücken: 400 g Lammrücken, ausgelöst, enthäutet 2 EL Rosmarinöl 1/2 TL Baharat-Gewürz 1 Zweig Thymian
Bohnen/Kichererbsen-Püree: 2 Schalotten, gewürfelt Rosmarin, Thymian,
1 Zehe Knoblauch 250 g eingeweichte Bohnen oder Kichererbsen 400 ml Geflügelfond
1 MSP Natron
2 EL Tahine Kreuzkümmel gemahlen 2 EL Vollmilchjoghurt
3 EL Olivenöl
Spritzer Zitzronensaft Salz, weißer Pfeffer
Salzzitronen-Gemüse:
1 Salzzitrone (Rezept), gewässert und in feine Streifen geschnitten
10 cm Lauch, in Streifen geschnitten
2 Karotten, in Streifen geschnitten
1/2 Fenchel, in Streifen geschnitten
1 EL Olivenöl
1 MSP Safran, mit 1 TL Zucker gemörsert, in heissem Gemüsefond aufgelöst
1 MSP Harissa
1 EL Blattpetersilie, grob gehackt
Oliventatare:
2 EL gehackte schwarze Oliven
1 EL Basilikumöl
Lammfond
Butterschmalz
Zubereitung:
Püree:
Schalotten, Kräuter und Knoblauch in etwas Olivenöl anschwitzen, Bohnen oder Erbsen im Geflügelfond weichkochen, Kräuter entfernen. Bohnen oder Erbsen mit etwas Fond und Olivenöl pürieren, passieren. Mit restl. Zutaten glattrühren und abschmecken, warmstellen.
Gemüse:
Gemüse und Zitrone in Öl anbraten, mit Safranfond ablöschen, kurz karamellisieren lassen, würzen, frische Blattpetersilie dazu (kein Salz!)
Lammrücken:
Marinieren, einschweissen und sous vide garen. Kurz vor dem Servieren in Butterschmalz arosieren. Den Bratenrückstand in der Pfanne mit Lammfond zu einer Sauce reduzieren.

Gletscherwein für Ernst Krenek


Der Beginn einer grossen Freundschaft
Mein Beitrag zu lamiacucinas aktueller Weinralley.
Wir haben uns im Jahr 2008 im französischen Wallis in einem Crashkurs von 5 Tagen vorwiegend durch die autochthonen Weine des Spezialisten für alte, ursprüngliche Rebsorten, das Weingut Chanton in Visp gekostet. Diese Winzerfamilie war so entgegenkommend und hat in unser hoch am Berg gelegenes Domizil extra für uns ein paar Flaschen angeliefert. Dazu kamen noch ein paar aus der Weinkarte unseres bezaubernden, kleinen Chalet-Hotels.

Hotel "Belvedere" in Champex-Lac, Wallis
Meine romantische Hoffnung, einen echten Gletscherwein, wie aus den 30er Jahren zu bekommen, der vom Bergführer in Fässchen auf den Gletscher geschleppt und jahrzehntelang persönlich betreut wurde, hat sich nicht erfüllt (siehe die Krenek-Story am Ende des Posts). Heute nennen die Winzer vor Ort einen Wein auch Gletscherwein, wenn er auf Europas höchst-gelegenen Weinbergen (Visperterminen) auf rund 1000 m wächst. 2006 Heida, Gletscherwein Chanton, Visp, Wallis 14,6 % Rebsorte: Heida, auch Païen (Unterwallis), Savagnin blanc (franz. Jura) oder Traminer. Der Paradewein der Chantons. Ob er wirklich ein Traminer ist, konnten wir nicht erfahren, er schmeckt jedoch so. Ein sehr üppiger, aber durch Säure gestützter, ausgeglichener Geschmack. Buttrig, Duft nach Quitten und weißem Pfeffer. Die paar Flaschen, die wir mitgenommen haben, sind leider schon ausgetrunken. Ein fantastischer Wein! Ebenso gut hat uns der folgende Wein geschmeckt, der auch nur in dieser Region wächst: 2004 Lafnetscha Chanton, Visp, Wallis 13 % Rebsorte: Blanchier. Ein echtes Oberwalliser Gewächs. Vom Dialekt abgeleitet heisst "Laff-nit-scha" "trink noch nicht" oder "trink nicht zu jung!".Im Unterwallis oder in der Haute Savoie bekannt als "Gros Gouais", im Graubünden als Completer (wurde bereits 926 in Malans angebaut). Jahrgangsbedingt schon harmonischer als der Haida, Duft nach Holler und Lindenblüten. Frisch und gefällig, passend zur Rösti mit Räucherlachs und Schnittlauchsauce, war der 2006 Himbertscha Chanton, Visp, Wallis 11,4 % Die Rebsorte ist unbekannt. Der Name wird abgeleitet von "im bercla" - la bercla - Pergola. Galt praktisch als verschollen. Auf der Suche nach ursprünglichen Sorten von Josef-Marie Chanton entdeckt. Wird von ihm weltweit einmalig kultiviert und seit 1984 angepflanzt. Duftet nach Mangos undund schmeckt nach grünen Haselnüssen. Weitere seltene Rebsorten (alles von Chanton), die wir verkostet haben, erwiesen sich als "interessant", aber nur vor Ort zu trinken: 2006 Resi (Reze, der Ur-Wein des traditionellen Gletscherweins) eine "resche" Angelegenheit, könnte ein Wiener "Brünnerstrassler" sein, ein Weißwein, leicht im Alkohol, säurebetont. 2006 Eyholzer Roter Rebsorte: Hibou. Diesen Wein kann man nur lieben oder ablehnen, daher nennt ihn der Winzer auch "charaktervoll". Er ist sehr begehrt. Den versprochenen Duft nach Bergveilchen und Hmbeeren habe ich nicht gerochen. Ein "hantiger" Wein, viel Säure und Tannin, unharmonisch. Fazit: eine ähnliche Sortenvielfalt und Liebe zu traditionellen Reben kenne ich nur aus dem Friaul.
Und jetzt kommt letztlich noch Ernst Krenek und der "echte" Gletscherwein ins Spiel:
Der Österreicher Ernst Krenek war nicht nur ein hervorragender Komponist, er war auch ein sehr begabter Schriftsteller und Chronist. Dazu noch Genießer und Weinkenner. 1924 flüchtete er vor dem despotischen Regime seiner Schwiegermutter Alma Mahler in den Wallis nach Siders. Von Küche und Wein im Wallis war er besonders angetan. So kam Krenek auch in den Genuß des mythenumwobenen Gletscherweins. Gletscherwein ist gespriteter Weißwein, eine Art Schweizer Sherry. Damals überwiegend aus der Rebsorte Resi mit kleinem Zusatz anderer alter Schweizer Rebsorten in Lärchenholzfässern ausgebaut. Der Gletscherwein hat eine ganz besondere und faszinierende Entstehungsgeschichte, die Krenek in seinen Memoiren so erzählt:
"Es gab viele Sorten Weißwein, vom anspruchslosen Fendant bis zu dem extravaganten und üppigen Hermitage und dem Vin des Paiens, dem "Wein der Heiden", der von den höchsten Weinbergen der Schweiz in der Nähe von Viège kam. Der ungewöhnlichste war der "Gletscher", der "Gletscherwein", der vierzig Jahre und länger in Fässern unter dem Schnee ferner Gletscher aufbewahrt wurde, unter der ständigen Aufsicht von Bergführern, die von Zeit zu Zeit den Inhalt der Fässer prüften, Wein eines jüngeren Jahrganges zusezten oder das wertvolle Naß auf andere Weise hegten und pflegten. Auf den Etiketten der teuren Flaschen konnte man ihre Unterschriften sehen." (Zitat aus: Ernst Krenek, Im Atem der Zeit. Erinnerungen an die Moderne, S 443, Hoffmann und Campe 1998) 
 

Gesehen: Looking for Eric

Filme von Ken Loach habe ich in den letzten Jahren gemieden. Seine sozialistischen Lehrstücke in Brecht-Manier wurden mir (mit zunehmendem Alter und abnehmender Sozialromantik) zu plakativ. Von seinem jüngsten Film "Looking for Eric" war ich jedoch restlos begeistert. Der Film erzählt von von Eric, einem vom Leben gebeutelten Briefträger in Manchester, der dank "weiser" Lebensberatung durch sein Fussballidol Eric Cantona und seine Fussballfreunde und Arbeitskollegen wieder zu Lebensfreude zurückfindet. Den sozialistischen Holzhammer hat Loach diesmal in britischen Humor verpackt. Der Film ist überaus witzig und auch spannend. Das liegt vielleicht nicht nur an der Altersweisheit von Loach sondern auch am Coproduzenten Eric Cantona, der sich mit viel Selbstironie selbst spielt.


Ich bin kein Fussballfan. Dieser Film, der die positiven Seiten traditionelle britischer Fussballfans zeigt, könnte einem aber dazu bringen. Dazu noch grandiose Schauspieler und die diesmal dezent vermittelte Botschaft, dass Freundschaft und Gemeinschaftssinn ein wirksames Gegenmittel gegen das Böse sind.
You Tube spielt im Film auch eine nicht unbedeutende Rolle (what is this - Blue Tube? - is this a new hair gel?)
Unbedingt in Originalfassung ansehen. Bestes Manchester Arbeiter-Englisch. Eric Bishop, der Briefträger, übertrifft sogar Gordon Ramsay, den ehemaligen Fussball-Profi, im Variantenreichtum, was den Einsatz des Allzweckwortes "fuck" betrifft. Eine feine Szene im Film: Eric, der von seinen halbwüchsigen Stiefsöhnen ständig ausgenutzt wird, lernt unter Cantonas Anleitung "Nein" zu sagen. Er kocht ein "steak with potatoes and gravy" und lässt die hungrigen Söhne zusehen, wie er es ganz alleine verzehrt. 
Steak with mash and savoy cabbage, port gravy
Steak, crushed peas with fresh mint and chips
(beides nach Gordon Ramsay)
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