
Ich könnte mich zerkringeln, wenn ich in unseren Restaurants beobachte, welches Getue um Trüffel gemacht wird. Wenn der Kellner oder der Küchenchef persönlich, weiss behandschuht und mit Trüffelhobel bewaffnet, um die Tische herumtanzt und ein paar dünne Späne auf lauwarme Nudeln oder Fleisch hobelt, diese paar Spänchen auch noch mit der Waage abwiegt und exakt nach Milligramm verrechnet. Dann wird noch kurz mal mit der Hand in Richtung Gastnase gewedelt, damit dieser andächtig den Duft inhalieren kann. Oft sind Gäste enttäuscht, weil die Trüffel nicht so nach Trüffel schmecken, wie sie es gewöhnt sind.Viel zu oft erinnert die Konsistenz an Sägespäne (chinesische Sommertrüffel) und der Duft an eine Fussgängerunterführung (zu alte Trüffel). Schliesslich hat man doch vom bekannten Fernsehskoch ein besonders teures Fläschchen mit Trüffelöl zuhause, so soll es schmecken! Gastfreundliche Wirte sorgen dafür, dass sie diesen vertrauten Geschmack in allen Trüffelgerichten wiederfinden. So ist beiden geholfen.
In Trüffelgegenden geht man in bodenständigen Wirtshäusern eher nonchalant und grosszügig mit den edlen Knollen um. Dicke Scheiben werden in Saucen geschmort und wenn gehobelt wird, dann ohne Waage und auf heisse, einfache Gerichte, wie Pasta, Eier, Kartoffelpüree, Fonduta. Denn nur mit viel Fett entfaltet sich Trüffelgeschmack so richtig, vor allem der von schwarzen Trüffeln.
Dieses Jahr haben wir mit Freunden beschlossen, das traditionelles französisches Trüffelgericht "Poularde en Demi-Deuil" zu kochen und dabei orgiastisch in Trüffel zu schwelgen. Also kein Trüffelmenü in sieben Gängen mit homöopathischen Dosen, sondern ein altmodisches Trüffelgericht mit ein bisschen Vor- und Nachspeise als Abrundung.
Huhn in Halbtrauer ist kein kompliziertes Gericht. Man muss nur darauf achten, dass alle Zutaten perfekt sind, dann ist es ein Gericht zu Niederknien, das man aufgrund seiner Seltenheit besonders geniesst. In den meisten alten Rezepturen werden die Hühner pochiert. Ich mag sie lieber goldbraun gebraten mit buttriger Sauce. Schwieriger als die Zubereitung ist die Beschaffung:
Zuerst haben wir über Trüffelhändler P. aus Salzburg ein viertel Kilo schwarze Trüffel aus Alba importieren lassen - dieses Jahr von selten guter Qualität (Montag).
Im Teegeschäft seiner Mutter in Linz wurden sie deponiert und abgeholt (Dienstag).
Seit sie in meinem Kühlschrank gelandet sind, übte ich strikte Selbstbeherrschung und habe uns NICHT Rührei mit frischer Trüffel zum abendlichen Burgunder gemacht, das fiel besonders schwer am Mittwoch.
Jetzt musste noch Bio-Sauerrahmbutter her. Die wird nur selten geliefert und ist immer schnell ausverkauft, aber Glück gehabt ! Sie lieferte den richtigen, kräftigen Buttergeschmack für die Sauce. Für das totale Essglück benötigten wir noch gute Erdäpfel für Püree (Donnerstag)
Die Schlierbacher Wildhühner wurde schon von 2 Wochen bestellt und am Vortag des Essens unter der Haut mit vielen Trüffelscheiben gefüllt, damit sich die Aromen so richtig verbreiten konnten (Freitag).
Der Rest war kaum Arbeit und sehr entspannt.
Zutaten für 6 grosse Portionen:
2 Wildhühner à ca. 1,7 kg
ca. 150 bis 200 g schwarze Alba Trüffel, geschält, in 3 mm dicke Scheiben geschnitten
100 bis 150 g Sauerrahmbutter (je nach Geschmack und Fett-Toleranz)
etwas feines Meersalz (eher wenig, die Sauce wird sonst zu würzig)
wenig schwarzer Pfeffer, frisch gemahlen
Sauce:
Hühnerklein
3 kleine Schalotten
1 kleine Karotte
3-4 Petersilienstängel
1/2 TL schwarze Pfefferkörner
50 ml weisser Portwein
20 ml guter Cognac
1 TL Butter
restliche Trüffelschalen, fein gehackt
Zubereitung:
Sauce:
Aus Hals und Flügelspitzen einen Hühnerfond mit 1 Schalotte, 1 kleinen Karotte, Petersilienstängel und Pfefferkörnern (kein Sellerie, keine Wurzelpetersilie, keine Extra-Gewürze, das würde den puristischen Geschmack verfälschen!) kochen. Ca. 200 ml Fond werden gebraucht. Die restlichen Schalotten in Butter anschwitzen, mit Cognac und Portwein ablöschen, einreduzieren und mit den Hühnerfond ca. 30 min köcheln, abseihen.
Hühner:
50 g weiche Butter schaumig rühren. Die Haut an den Hühnern bei Zimmertemperatur mit Fingern (und eventuell einem umgedrehten Löffel ohne scharfe Kanten) lockern, ohne sie zu verletzen. Die Hälfte der Buttermasse und so viele Trüffelscheiben wie möglich unter die Haut von Brust und Keulen schieben. Das ist die anspruchsvollste Arbeit. Chirurgische Kenntnisse sind nicht von Nöten, aber Fingerspitzengefühl. Dann die Hühner vakumieren oder gut luftdicht einpacken und kühl, aber nicht zu kalt stellen. Mindestens 5 Stunden, am besten über Nacht ziehen lassen. Die Hühner salzen und pfeffern, mit Brust nach unten in einen Bräter setzen, mit flüssiger Butter bestreichen und mit ca. 180 Grad O/U im vorgeheizten Backrohr braten. Immer wieder mit Butter bestreichen. Nach halber Bratzeit umdrehen. Die Brustseiten mit etwas Folie bedecken und fertig braten. Die Hühner heraus nehmen, Folie entfernen und 15 min warm rasten lassen. Den Bratenfond mit Cognac und Portwein ablöschen, mit dem Hühnerfond aufgiessen, gehackte Trüffelschalen zugeben, nicht mehr kochen, nur ziehen lassen. Mit dem Stabmixer zu einer buttrigen Trüffelsauce mixen. Die Hühner eventuell unter dem Grill nochmals etwas bräunen, wenn sehr knusprige Haut gewünscht ist. Tranchieren und mit einfachem Kartoffelpüree und Sauce servieren.
Wein? Da liessen wir uns vom Gastgeber H. überraschen: ein cremiger Meursault passte perfekt.
Braten, Essen, Trinken und Geniessen - die Trüffelorgie vom Samstag